Warum bittet ihr immer wieder um Fotos ?
- 29. Juli
- 3 Min. Lesezeit
Es gibt eine Frage, die mir fast jeden Tag gestellt wird.
„Schick mir ein Foto.“
Und jedes Mal möchte ich zurückfragen:
Warum?
Nicht, weil ich meine Fotos nicht zeigen möchte.
Sondern weil sich hinter dieser Bitte fast immer etwas ganz anderes verbirgt als das, was ausgesprochen wird.
Viele Frauen zeigen ihr Gesicht in ihren Anzeigen ganz offen. Die Fotos sind öffentlich. Jeder kann sie anschauen.
Und trotzdem kommt dieselbe Nachricht: „Schick mir noch ein Foto.“
Und genau an diesem Punkt werde ich neugierig.
Was genau wollt ihr sehen, das ihr nicht längst gesehen habt?
Die häufigste Erklärung klingt immer gleich.
„Ich war schon einmal bei einer Frau, und am Ende war sie überhaupt nicht dieselbe wie auf den Fotos.“
Das verstehe ich.
So etwas kommt tatsächlich vor.
Aber erlaubt mir eine Gegenfrage.
Warum sollte eure schlechte Erfahrung plötzlich zu meiner Verantwortung werden?
Das ist nicht mit mir passiert.
Ich habe euch nicht getäuscht.
Warum sollte gerade ich jetzt beweisen müssen, dass ich nicht so bin wie jemand anderes?
Dann gibt es noch eine andere Kategorie.
Diese Männer verstecken ihre eigentliche Absicht nicht einmal.
Sie sind einfach neugierig.
Noch ein Foto.
Noch eins ansehen.
Ein bisschen durchblättern.
Vielleicht speichern.
Manchmal habe ich den Eindruck, dass allein die Bitte ihnen bereits genügt.
Eine Art „Sex ohne Begegnung“.
In der Branche haben wir dafür längst einen ironischen Ausdruck: „Sex für Arme.“
Wenn die emotionale Erregung nicht durch eine reale Begegnung entsteht, sondern durch endlose Chats, Fotos und Fantasien.
Und dann gibt es noch ein Detail, das mich jedes Mal zum Schmunzeln bringt.
Sehr oft hat ausgerechnet der Mann selbst… überhaupt kein Profilfoto.
Gar keines.
Ein leerer Avatar.
Manchmal nicht einmal einen richtigen Namen.
Er möchte sich nicht zeigen.
Er versteckt sich.
Er bleibt anonym.
Er erwartet aber ganz selbstverständlich, dass die Frau vollkommen offen ist.
Ist das nicht merkwürdig?
Ihr erwartet Transparenz.
Aber nur in eine Richtung.
Manchmal glaube ich sogar, dass es gar nicht um Fotos geht.
Sondern um das Gefühl, Kontrolle zu haben.
Etwas verlangen.
Etwas überprüfen.
Bewerten.
Auswählen.
Als müsste eine Frau noch eine weitere kleine Prüfung bestehen.
Noch einmal bewertet werden.
Noch einmal Zustimmung erhalten.
Und genau an diesem Punkt wird es für mich unangenehm. Denn ich stelle mich nicht zur Versteigerung.
Ich nehme an keinem Casting teil.
Und ich bin keinem fremden Menschen den Beweis schuldig, dass ich seiner Aufmerksamkeit würdig bin.
Das Interessante ist, dass solche Wünsche erstaunlich oft von Männern kommen, die selbst keineswegs wie Models aussehen.
Und daran ist überhaupt nichts schlimm.
Schönheit ist schließlich etwas sehr Subjektives.
Aber manchmal entsteht der Eindruck, dass manche Menschen ihre eigene Unsicherheit kompensieren möchten.
Wer Schwierigkeiten hat, sich selbst anzunehmen, verspürt oft den Wunsch, andere zu bewerten.
Das vermittelt für einen kurzen Moment ein Gefühl von Überlegenheit.
Doch echtes Selbstbewusstsein funktioniert anders.
Es braucht keine ständige Bestätigung durch die Bewertung anderer Menschen.
Ich habe nichts gegen Fotos.
Ich habe etwas gegen die Haltung, die manchmal hinter dieser Bitte steckt.
Denn das Foto hört auf, ein Mittel zum Kennenlernen zu sein.
Es wird zu einem Instrument der Kontrolle.
Zu einem Instrument der Bewertung.
Zu einem Instrument der Macht.
Und wisst ihr, was ich besonders interessant finde?
Die Männer, die tatsächlich zu einer Begegnung kommen, bitten meistens gar nicht um zusätzliche Fotos.
Sie haben die Anzeige gesehen.
Sie haben gesehen, was sie sehen wollten.
Das reicht ihnen.
Sie treffen ihre Entscheidung.
Sie respektieren ihre Zeit und meine.
Sie vereinbaren einen Termin.
Und sie kommen.
Ohne sinnlose Tests.
Ohne Prüfungen.
Ohne den Wunsch, eine Frau immer wieder beweisen zu lassen, dass sie „gut genug“ ist.
Vielleicht, weil selbstbewusste Menschen in der Regel eine Begegnung suchen.
Und nicht endlose Bestätigungen ihrer eigenen Zweifel.
Und genau deshalb enden die unzähligen Nachrichten mit „Schick mir ein Foto.“
so oft… mit gar nichts.
Denn das eigentliche Ziel war nie eine Begegnung.
Das Ziel war der Prozess selbst.
Noch ein Foto bekommen.
Noch ein wenig Aufmerksamkeit.
Noch eine kleine Bestätigung des eigenen Egos.
Ihr bittet nicht einfach um ein Foto.
Ihr bittet um das Recht, noch einmal zu entscheiden, ob eine Frau eurer Aufmerksamkeit würdig ist.
Aber wer hat eigentlich entschieden, dass genau euch dieses Recht zusteht?
Und zum Schluss…
Wenn es euch selbst so schwerfällt, ein eigenes Foto zu zeigen, dass ihr sogar euer Profilbild im Messenger versteckt, dann stellt euch vielleicht zuerst eine andere Frage.
Warum seid ihr selbst nicht bereit, das zu tun, was ihr von einer Frau erwartet?
Respekt beginnt fast immer mit Gegenseitigkeit.
Und Offenheit ebenso.
Safe Space ist ein Ort, an dem man offen darüber sprechen kann.



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