Wann eine Bewertung aufhört, eine Bewertung zu sein.
Ich habe mich hier bereits mit dem Thema Bewertungen in Forum auseinandergesetzt – mit der Frage, wie objektiv sie eigentlich sind, wo nützliche Information aufhört und subjektive Wahrnehmung beginnt und wie viel Macht manchmal ein Mensch bekommt, dem wenige Zeilen genügen, um die Meinung anderer über eine Frau zu prägen.
Eigentlich könnte man meinen, das Thema wäre damit erledigt.
Heute bin ich jedoch in einem Forum auf eine ziemlich „gelungene“ Beleidigung gestoßen.
„Gelungen“ natürlich nicht, weil sie besonders geistreich gewesen wäre. Sondern vielmehr deshalb, weil es dem Verfasser gelungen ist, in wenigen Absätzen praktisch alles unterzubringen: „fett“, „hässlich“, Ausführungen über Bauch, Hüften, Beine, Kleidergröße und sogar eine erstaunlich präzise Einschätzung darüber, wie viele überflüssige Kilos die Frau angeblich zugenommen habe.
Fünfzehn!
Woher diese Genauigkeit kommt, bleibt ein Rätsel.
Eine Waage hatte er zu dem Termin meines Wissens nicht mitgebracht. Eine medizinische Untersuchung hat er ebenfalls nicht durchgeführt. Aber der Mann schaute hin – und stellte fest: fünfzehn Kilo mehr.
Und all das nannte sich eine Bewertung des Services.
Genau an diesem Punkt wollte ich noch einmal auf das Thema Bewertungen zurückkommen. Diesmal allerdings mit einer anderen Frage: wann wird aus dem Recht, eine Dienstleistung zu bewerten, das Gefühl, einen Menschen bewerten zu dürfen?
Zunächst möchte ich eines ganz klar sagen.
Wenn eine Frau mit Fotos wirbt, die schon lange nicht mehr der Realität entsprechen, ist das nicht in Ordnung. Ein Kunde hat jedes Recht, darauf hinzuweisen. Mehr noch: Eine solche Information ist für andere Männer durchaus hilfreich.
Man kann schreiben:
„Die Fotos sind deutlich veraltet.“
„Ihr tatsächliches Aussehen weicht von den Bildern in der Anzeige ab.“
„Ich hatte das Gefühl, getäuscht worden zu sein.“
„Für mich war die Abweichung so erheblich, dass ich den Termin nicht empfehlen kann.“
Das ist eine Bewertung.
Wenn danach allerdings eine detaillierte Bestandsaufnahme des weiblichen Körpers beginnt – der Bauch ist nicht richtig, die Hüften sind zu breit, die Beine nicht mehr so, die Hosengröße stimmt nicht mehr, zu viele Kilos und die Frau selbst ist „fett“ und „hässlich“ –, dann reden wir nicht mehr über die Qualität einer Anzeige oder einer Dienstleistung.
Dann reden wir über die Frage, ob ein Mensch das Recht hat, einen anderen öffentlich zu erniedrigen.
Wir sind Frauen. Keine Ware.
Ich habe manchmal den Eindruck, dass das in manchen Männerforen gelegentlich vergessen wird.
Ja, es geht um eine kommerzielle Dienstleistung.
Ja, der Mann bezahlt.
Ja, er hat das Recht, unzufrieden zu sein.
Aber vor ihm steht trotzdem eine Frau und keine Ware im Supermarktregal.
Die Bezahlung einer Dienstleistung verwandelt einen menschlichen Körper nicht in einen gekauften Gegenstand, den man nach Gebrauch öffentlich nach seinen Eigenschaften zerlegen kann: hier ist zu viel.Hier ist es breiter geworden.Das hat sich verschlechtert.Das entspricht nicht mehr der angegebenen Größe.
Sie haben eine Dienstleistung gekauft.
Sie haben keinen Menschen gekauft.
Und das Recht, eine Dienstleistung zu bewerten, bedeutet nicht das Recht, öffentlich ein Urteil über den Körper eines Menschen zu fällen.
„Aber ich wurde getäuscht.“
Das war das Hauptargument in der anschließenden Diskussion.
Wenn Frauen keine aktuellen Fotos veröffentlichen wollen, schrieb ein anderer Teilnehmer, müssten sie eben damit leben, dass Männer sie anschließend ausführlich beschreiben. Dabei räumte der Verfasser selbst ein, dass solche Beschreibungen mitunter sogar übertrieben seien.
Und genau hier findet eine erstaunliche Verschiebung der Verantwortung statt.
Wenn eine Frau Fotos veröffentlicht, die deutlich nicht mehr ihrem heutigen Aussehen entsprechen, trägt die Frau dafür die Verantwortung.
Wenn ein Mann anschließend einen beleidigenden oder bewusst übertriebenen Text über sie schreibt, trägt der Mann dafür die Verantwortung.
Punkt.
Die eine Verantwortung hebt die andere nicht auf.
Das Fehlverhalten eines anderen Menschen gibt Ihnen keinen Freibrief für das eigene.
Warum sind Sie dann geblieben?
In dieser konkreten Geschichte gab es noch einen interessanten Punkt.
Der Verfasser sah die Frau, blieb, bezahlte, nahm ihre Dienstleistung in Anspruch und erklärte später, dass es ihm unangenehm gewesen sei, wieder zu gehen. Die Frau sei freundlich gewesen. Er habe keine Lust gehabt, noch irgendwo anders hinzufahren. Er sei bereits erregt gewesen. Also habe er beschlossen, es einfach zu versuchen.
Und das ist völlig in Ordnung.
Er ist ein erwachsener Mensch und hat eine Entscheidung getroffen.
Dann gehört allerdings auch die zweite Hälfte dieser Geschichte dazu: die Entscheidung zu bleiben war ebenfalls seine Entscheidung.
Wenn das Aussehen einer Frau so stark von Ihren Erwartungen abweicht, dass Ihnen körperlicher Kontakt mit ihr unangenehm ist, können Sie gehen.
Ja, die Situation ist unangenehm.
Ja, es ist nicht schön, einem Menschen zu sagen: „Entschuldige, aber du bist nicht das, was ich erwartet habe.“
Die Alternative – bewusst zu bleiben, die Dienstleistung in Anspruch zu nehmen und anschließend die Frau öffentlich wegen ihres Aussehens fertigzumachen – erscheint mir allerdings noch merkwürdiger.
Manchmal fällt es uns erstaunlich schwer, einen ganz einfachen Satz auszusprechen:
„Ich habe eine Entscheidung getroffen, die mir im Nachhinein nicht gefallen hat.“
Viel angenehmer klingt: „Das wurde mir angetan.“
Und schon wandert die Verantwortung unbemerkt zu einem anderen Menschen.
Enttäuschung wird gerne zu Aggression.
Und an diesem Punkt geht es längst nicht mehr nur um die Sexindustrie.
Wenn unsere Erwartungen stark von der Realität abweichen, entsteht Frust. Manchmal auch das Gefühl, getäuscht worden zu sein.
Manche Menschen können sagen: „Ich bin enttäuscht.“
Anderen reicht das nicht.
Sie müssen das abwerten, was sie enttäuscht hat.
Nicht: „Sie sieht anders aus als auf den Fotos.“
Sondern: „Sie ist fett.“
Nicht: „Sie war älter, als ich erwartet hatte.“
Sondern: „Sie ist alt und hässlich.“
Der Unterschied ist gewaltig.
Das eine beschreibt Ihre Wahrnehmung und eine konkrete Situation.
Das andere fällt ein Urteil über einen Menschen.
Und manchmal hilft eine solche Abwertung tatsächlich dabei, psychologisch wieder ein Gefühl von Kontrolle herzustellen:
Ich wurde enttäuscht – aber jetzt bin ich derjenige, der bewertet, urteilt und bestimmt, welchen Wert der andere hat.
Ein Nickname macht erstaunlich mutig.
Foren haben noch eine weitere Besonderheit.
Anonymität.
Hinter einem Nickname entwickeln manche Menschen plötzlich einen Mut, der ihnen im realen Leben erstaunlicherweise abhandenkommt.
Es wäre durchaus interessant zu sehen, wie viele Männer, die im Internet ausführlich über den Bauch, das Alter, die Hüften und die „überflüssigen Kilos“ einer Frau diskutieren, sich vor dieselbe Frau stellen und ihr ruhig ins Gesicht sagen würden: „Du bist fett und hässlich.“
Ich vermute, die Zahl der Freiwilligen wäre deutlich kleiner.
Und dabei geht es nicht einmal nur um die Angst vor einer Reaktion.
Wenn ein lebendiger Mensch vor uns steht – mit Augen, Stimme und Emotionen –, fällt es wesentlich schwerer zu vergessen, dass wir gerade mit einem Menschen zu tun haben.
Ein Bildschirm löscht diese Verbindung erstaunlich gut aus.
Aber sich hinter einem Nickname zu verstecken, macht niemanden zum Helden.
Anonymität schützt die Identität des Verfassers.
Sie befreit ihn nicht von der Verantwortung für seine Worte.
„Wir Kunden“ und „diese Frauen“.
In der Diskussion fiel noch ein bemerkenswerter Satz:
„Dieses Forum wurde in erster Linie für uns Freier gemacht und nicht für die Prostituierten.“
Und plötzlich haben wir einen kleinen Krieg.
Wir. Sie.
Wir – die Männer.
Sie – „diese Damen“.
Wir dürfen diskutieren.
Sie müssen damit leben, wie wir über sie diskutieren.
Diese Gruppenlogik ist ausgesprochen bequem, denn irgendwann verschwindet der einzelne Mensch dahinter. Übrig bleibt nur noch ein Vertreter der anderen Gruppe.
Und sobald ein Mensch nur noch Teil von „denen“ ist, fällt es wesentlich leichter, grausam über ihn zu sprechen.
Deshalb habe ich überhaupt kein Interesse daran, daraus den nächsten Krieg der Geschlechter zu machen.
Brauchen wir nicht.
Nicht Männer gegen Frauen.
Nicht Kunden gegen Sexarbeiterinnen.
Nicht „wir“ gegen „sie“.
Beginnen wir doch mit einem wesentlich einfacheren Konzept: wir sind alle Menschen.
Auch Frauen können grausam sein. Auch Frauen können beleidigen, sich über das Aussehen anderer lustig machen und versuchen, sich auf Kosten anderer aufzuwerten.
Das ist keine ausschließlich männliche Eigenschaft.
Aber die Zugehörigkeit zu irgendeinem Geschlecht entbindet niemanden von der persönlichen Verantwortung für das eigene Verhalten.
Geld gibt kein Recht auf Erniedrigung.
Kommerzieller Sex erzeugt noch eine andere gefährliche Illusion.
Ich habe bezahlt.
Und daraus wird manchmal fast unbemerkt: also habe ich das Recht.
Ja.
Sie haben das Recht, die vereinbarte Dienstleistung zu erhalten.
Sie haben das Recht, abzulehnen.
Sie haben das Recht, unzufrieden zu sein.
Sie haben das Recht, anderen Kunden mitzuteilen, dass die Fotos nicht der Realität entsprechen.
Sie haben das Recht zu schreiben, dass der Service schlecht war.
Sie haben das Recht, nie wiederzukommen.
Aber in der Bezahlung ist kein zusätzlicher Punkt enthalten: „Das Recht, die Würde eines Menschen zu verletzen.“
Eine solche Leistung steht auf keiner Preisliste.
Kritisieren.
Ich möchte keineswegs dafür plädieren, Bewertungen in eine Sammlung von Komplimenten zu verwandeln.
Im Gegenteil.
Schlechter Service? Schreiben Sie, dass er schlecht war.
Unfreundliches Verhalten? Schreiben Sie es.
Irreführende Fotos? Schreiben Sie es.
Eine vereinbarte Leistung nicht erhalten? Schreiben Sie es.
Mangelnde Hygiene? Erst recht.
Dafür sind Bewertungen da.
Eine gute Bewertung gibt dem nächsten Menschen jedoch Informationen, die er für seine Entscheidung braucht.
Und jetzt stellen Sie sich eine einfache Frage: welche nützliche Information liefert einem anderen Kunden das Wort „fett“?
Praktisch keine.
Der Satz: „Die Fotos entsprechen deutlich nicht mehr ihrem heutigen Aussehen.“ hat bereits alles Wesentliche gesagt.
Der Rest erzählt uns häufig wesentlich mehr über den Verfasser der Bewertung als über die Frau, die er zu beschreiben versucht.
Und vielleicht verläuft genau hier eine sehr einfache Grenze: eine Dienstleistung zu bewerten ist legitim. Einen Menschen wie eine Ware zu bewerten, ist es nicht.
Die Frau trägt die Verantwortung für ihre Werbung.
Der Kunde trägt die Verantwortung für seine Entscheidung.
Der Verfasser einer Bewertung trägt die Verantwortung für seine Worte.
Und keiner von ihnen darf die eigene Verantwortung einfach deshalb abgeben, weil ein anderer ebenfalls etwas falsch gemacht hat.
Bevor man also auf „Veröffentlichen“ klickt, könnte es manchmal hilfreich sein, sich für einen Moment vorzustellen, dass es keinen Nickname gibt.
Keinen Bildschirm.
Und dass die Frau, über die man gerade geschrieben hat, direkt vor einem steht.
Wenn man seine Formulierung in diesem Moment plötzlich ändern möchte, lag das Problem vielleicht doch nicht ausschließlich an der Qualität des Services.
Safe Space — ist ein Ort, an dem man offen darüber sprechen kann.



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