Die Branche als Spiegel der Gesellschaft - bevor man andere bewertet, lohnt sich ein Blick auf die eigenen Erwartungen.
Diese Branche wird gern diskutiert.
Man diskutiert über die Frauen, die in ihr arbeiten. Über ihr Aussehen, ihr Alter, ihre Preise, ihr Verhalten und ihren Service. Man vergleicht, bewertet und erstellt Rankings. Man beschwert sich darüber, dass „früher alles besser war“, dass die eine zu viel verlangt, eine andere sich angeblich nicht genug bemüht und die nächste den Erwartungen nicht entspricht.
Doch eine Frage wird deutlich seltener gestellt: was genau erschafft eigentlich diese Branche?
Die Antwort ist ziemlich einfach: die Nachfrage.
Wo eine beständige Nachfrage existiert, entsteht ein Angebot. Und dieses Angebot spiegelt zu einem großen Teil wider, was Kunden suchen, wofür sie bereit sind zu bezahlen und welche Erwartungen sie haben.
Natürlich lässt sich nicht jedes Problem allein mit der Nachfrage erklären. Es gibt immer Ausnahmen, unseriöse Menschen, schlechten Service, Täuschungen und viele andere Faktoren.
Doch bevor man sagt: „Schaut euch an, wie die Frauen heute geworden sind“, wäre es manchmal sinnvoll, sich selbst zu fragen: wie hat sich eigentlich die Nachfrage verändert?
Was suchen Kunden?
Was erwarten sie?
Was fördern sie mit ihrem Geld?
Für welche Angebote schaffen sie selbst einen Markt?
Diese Branche existiert nicht losgelöst von der Gesellschaft.
In gewisser Weise ist sie ihr Spiegel.
Eine Frau ist keine Ware mit Bewertungspunkten.
Ein eigenes Kapitel sind Websites, Foren und verschiedene Plattformen, die rund um diese Branche entstanden sind.
Manche davon können durchaus sinnvoll sein: zum Informationsaustausch, zur Warnung vor Betrug, für Sicherheit, Empfehlungen oder um sowohl positive als auch negative Erfahrungen zu teilen.
Doch wo verläuft die Grenze zwischen Erfahrungsaustausch und einem Markt, auf dem Menschen bewertet werden?
Besonders merkwürdig wird es, wenn Frauen regelrechte Bewertungen erhalten.
Aussehen – so viele Punkte.
Service – so viele Punkte.
Alter – Plus oder Minus.
„Preis-Leistung“.
„Ist ihr Geld wert“ oder „ist es nicht wert“.
Moment mal.
Eine Frau ist keine Ware.
Sie kann eine Dienstleistung verkaufen. Aber sie selbst wird dadurch nicht zu einem Produkt.
Man kann die Qualität einer Dienstleistung bewerten. Man kann schreiben, dass eine Vereinbarung nicht eingehalten wurde. Man kann sagen, dass die Chemie nicht gestimmt hat und man die Begegnung nicht wiederholen möchte.
Aber einem Menschen objektiv fünf, sieben oder neun Punkte zu geben, ist schlicht unmöglich.
Denn vor einem steht ein anderer Mensch – mit einem eigenen Charakter, einer eigenen Stimmung, eigenen Sympathien, Grenzen und einem eigenen Leben.
An dieser Stelle schlage ich manchmal ein ganz einfaches Gedankenexperiment vor.
Stellt euch vor, morgen gäbe es ein vergleichbares Bewertungssystem für Kunden.
Frauen würden nach jeder Begegnung Punkte vergeben für:
Aussehen,
Alter,
Hygiene,
Umgangsformen,
Großzügigkeit,
Kommunikation,
Verhalten während der Begegnung und Zuverlässigkeit bei Absprachen.
Und all diese Bewertungen würden beispielsweise mit der Telefonnummer des Kunden verknüpft.
Ich frage mich, wie viele Männer sagen würden: „Großartiges System. Ich habe nichts zu verbergen. Sollen die Frauen mich ruhig bewerten.“
Oder würde sich plötzlich herausstellen, dass ein Mensch doch etwas komplexer ist als ein paar Sterne?
Wer verdient eigentlich rund um diese Branche?
Es gibt noch ein weiteres Phänomen.
Diese Branche ist längst nicht mehr nur für diejenigen eine Einnahmequelle, die selbst Dienstleistungen anbieten.
Rundherum entstehen Foren, Verzeichnisse, Aggregatoren, Datenbanken, Bewertungsportale und Websites, die Informationen aus verschiedenen Quellen zusammentragen.
Manchmal entsteht dabei eine ziemlich merkwürdige Situation: eine Frau veröffentlicht ihre Informationen auf einer bestimmten Plattform – und entdeckt später ihr Profil, ihre Fotos, ihre Telefonnummer oder andere Angaben auf einer völlig anderen Website, die sie selbst nie gewählt hat und auf der sie nie etwas veröffentlicht hat.
Auf manchen dieser Plattformen müssen Kunden sogar bezahlen, um Zugang zu solchen Datenbanken zu erhalten.
Und da halte ich es zumindest für angebracht, sich eine Frage zu stellen: wer hat eigentlich das Recht erteilt, Informationen über einen lebenden Menschen zum eigenen Geschäftsmodell zu machen?
Ich möchte die rechtliche Seite an dieser Stelle bewusst nicht vertiefen. Das wäre ein eigenes, sehr umfangreiches Thema.
Aber aus ganz einfacher menschlicher Sicht bleibt die Frage bestehen: wenn eine Frau bestimmte Informationen an einem bestimmten Ort und für einen bestimmten Zweck veröffentlicht hat – bedeutet das automatisch, dass jeder diese Informationen sammeln, in eine andere Datenbank übertragen, archivieren, ergänzen und anschließend damit Geld verdienen darf?
Ich finde, allein diese Frage sollte gestellt werden dürfen.
Und auch ein Kunde, der für den Zugang zu solchen Plattformen bezahlt, stimmt damit indirekt für das Fortbestehen dieses Geschäftsmodells.
Mit seinem Geld.
Warum verbreitet sich Negatives schneller?
Eine weitere Besonderheit solcher Räume fällt schnell auf: negative Erfahrungen bekommen häufig deutlich mehr Aufmerksamkeit als positive.
Vielleicht liegt es daran, dass ein Mensch nach einer schönen Begegnung einfach zufrieden weiter seinem Leben nachgeht.
Nach einer Enttäuschung hingegen entsteht eher das Bedürfnis, darüber zu sprechen.
Das ist menschlich.
Aber zwischen diesen beiden Aussagen besteht ein großer Unterschied: „Ich hatte eine schlechte Erfahrung.“ und „Dieser Mensch ist schlecht.“
Das Erste beschreibt die eigene Begegnung.
Das Zweite ist bereits ein Urteil über einen anderen Menschen.
Dabei kann ein und dieselbe Begegnung von zwei Menschen völlig unterschiedlich erlebt werden.
Sympathie, Stimmung, die Chemie zwischen zwei Personen, Erwartungen und die Art der Kommunikation – all das lässt sich nicht standardisieren.
Manchmal liest jemand einen begeisterten Erfahrungsbericht und geht bereits mit einem fertigen Drehbuch zu einer Begegnung: „Bei ihm war es so – also muss es bei mir genauso sein.“
Aber Menschen sind keine Automaten.
Was gestern zwischen zwei bestimmten Menschen funktioniert hat, muss sich heute zwischen zwei anderen Menschen nicht wiederholen.
Ein Erfahrungsbericht ist die Erfahrung seines Verfassers.
Keine Garantieurkunde.
Und was wäre, wenn es diese Branche morgen einfach nicht mehr gäbe?
Es gibt noch eine Frage, die ich Menschen manchmal gedanklich stelle, wenn sie ausschließlich mit Verachtung über diese Branche sprechen.
Stellt euch für einen Moment vor: sie existiert nicht mehr.
Überhaupt nicht.
Keine Frauen mehr, die man endlos kritisieren kann.
Keine Anzeigen.
Keine Treffen.
Keine „zu hohen Preise“.
Kein Service, den man bewerten kann.
Wohin würde dann diese Nachfrage gehen?
Was würde mit den Wünschen und Bedürfnissen geschehen, wegen derer Tausende Menschen überhaupt Dienstleistungen dieser Branche in Anspruch nehmen?
Sie würden schließlich nicht gemeinsam mit den Anzeigen verschwinden.
Und vielleicht wird genau an diesem Punkt besonders deutlich: diese Branche existiert nicht deshalb, weil irgendwann ein paar Frauen beschlossen haben, sie zu erfinden.
Sie existiert, weil es eine gesellschaftliche Nachfrage und ein gesellschaftliches Bedürfnis gibt.
Bevor man also Menschen, die diese Nachfrage bedienen, als etwas Minderwertiges betrachtet, sollte man zumindest diese einfache Tatsache anerkennen.
Auch eine schlechte Erfahrung bleibt eine Erfahrung.
Das bedeutet keineswegs, dass alles entschuldigt werden muss.
Wenn man getäuscht wurde, ist das nicht in Ordnung.
Wenn Absprachen nicht eingehalten wurden, darf darüber gesprochen werden.
Wenn eine Dienstleistung vollkommen anders war als angekündigt, ist eine negative Bewertung nachvollziehbar.
Aber auch eine unangenehme Erfahrung kann beschrieben werden, ohne einen Menschen zu erniedrigen.
Wenn euch ein Haarschnitt nicht gefallen hat, werdet ihr wahrscheinlich sagen:
„Dieser Friseur war nicht der Richtige für mich.“
„Das Ergebnis entspricht für mich nicht dem Preis.“
„Ich hatte etwas anderes erwartet.“
Wenn eine Massage enttäuschend war, sagt ihr vielleicht:
„Die Technik hat mir nicht gefallen.“
„Die Behandlung war zu kurz.“
„Für mich war diese Leistung den Preis nicht wert.“
Aber vermutlich würdet ihr daraus nicht automatisch schließen: „Dieser Mensch ist schlecht.“
Ihr beurteilt die Dienstleistung – nicht den menschlichen Wert der Person, die sie erbracht hat.
Warum verschwindet diese Grenze in dieser Branche so häufig?
Wenn eine Begegnung nicht gefallen hat, bedeutet das noch lange nicht, dass die Frau „schlecht“, „zu alt“, „nichts wert“ ist oder eine öffentliche Demütigung verdient.
Es bedeutet zunächst nur eines: diese konkrete Dienstleistung oder diese konkrete Begegnung hat nicht den eigenen Erwartungen entsprochen.
Und vielleicht sollten Erfahrungsberichte genau so geschrieben werden.
Nicht: „Was stimmt mit diesem Menschen nicht?“, sondern: „Was genau hat für mich bei dieser Dienstleistung nicht gepasst?“
Und manchmal ist es sinnvoller, auch eine schlechte Erfahrung tatsächlich als Erfahrung zu betrachten.
Was werde ich beim nächsten Mal vorher genauer klären?
Worauf werde ich achten?
Welche meiner Erwartungen waren realistisch – und welche habe ich selbst aufgebaut?
Warum habe ich mich überhaupt für genau diese Begegnung entschieden?
Wenn sich die eigene Haltung verändert, verändert sich erstaunlich oft auch das, was man um sich herum wahrnimmt.
Vielleicht ist es an der Zeit, nicht mehr nach einer Ware zu suchen.
Meiner Meinung nach beginnt das größte Problem dort, wo hinter einer Dienstleistung der Mensch nicht mehr gesehen wird.
Und das betrifft keineswegs nur Männer.
Unsere moderne Gesellschaft ist insgesamt sehr konsumorientiert geworden.
Menschen werden nach Aussehen, Einkommen, Status, Alter und Nutzen bewertet.
Männer bewerten Frauen.
Frauen bewerten Männer.
Arbeitgeber bewerten Arbeitnehmer.
Menschen bewerten einander.
Doch in dieser Branche wird diese Entwicklung besonders deutlich.
Denn hier gibt es tatsächlich Geld und eine Dienstleistung.
Und deshalb ist es besonders leicht, eine gefährliche Grenze zu überschreiten:
„Ich kaufe eine Dienstleistung“ → „Ich kaufe einen Menschen.“
Nein.
Ihr bezahlt für Zeit und für eine zuvor vereinbarte Dienstleistung.
Der Mensch bleibt ein Mensch.
Mit seiner Würde.
Mit seinen Grenzen.
Mit seinem Charakter.
Und mit dem Recht, nicht zum Gegenstand öffentlicher Erniedrigung zu werden, nur weil seine Arbeit mit Sexualität verbunden ist.
Und vielleicht beginnt ein anderer Umgang miteinander mit einer sehr einfachen Sache:
den Menschen im Gegenüber zu sehen.
Denn diese Branche ist tatsächlich in vielerlei Hinsicht ein Spiegel unserer Gesellschaft.
Und bevor man sich über das Spiegelbild empört, lohnt es sich manchmal, einen Blick auf denjenigen zu werfen, der vor dem Spiegel steht.
Safe Space ist ein Ort, an dem man offen darüber sprechen kann.



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